Dojo Etikette
 
Auch für diejenigen, die Karate als modernen Breiten- oder Wettkampfsport betreiben, ist es nicht unwichtig, die klassische Etikette, die dem ursprünglich mit dem Budo verbundenen Einstellungen der Schüler untereinander und die Verhaltensweisen im Dojo (Übungsraum) regelt, wenigstens zu kennen.
Man kann Karate-Do und Karatesport leider nicht gleich behandeln.

Je mehr sich ein Verein oder eine Karate-Schule als "traditionell" begreift, desto mehr wird die Dojo-Etikette eine Rolle spielen. Aber ob Karate nun traditionell als Kampfkunst oder modern als Kampfsport betrieben wird: Die Etikette ist sowohl für das Verständnis als auch für einen störungsfreien Übungsbetrieb des Karate hilfreich.

Deshalb soll heute ein an die Tradition anknüpfendes Beispiel einer Dojo-Etikette aufgezeigt werden, die zwar dem Shorinji-Ryu-Karate-Do zugrundeliegt, aber im wesentlichen für alle Karate- (Budo-) Stilrichtungen gelten könnte. Mit einigen Abweichungen oder vielleicht anderen Schwerpunkten ist diese Etikette sicher auf jedes Dojo und jede Budo-Disziplin übertragbar. Sie kann jedem Schüler und insbesondere Trainer Anregungen für den Unterricht bringen. Diese Etikette soll das Karate-Do verdeutlichen.

Es wird nicht immer alles so heiss gegessen wie gekocht wird. Unser Dojo richtet sich nicht stur nach der alten Tradition, sondern wir betreiben Karate als Mischung zwischen Karate-Do und Karatesport. Wie bereits oben beschrieben, ist es hilfreich diese Regeln zu kennen um die Tradition und Geschichte von Karate zu verstehen.

1. Besondere Achtung und Respekt verdient der Stilbegründer des praktizierenden Ryu.
2. Die respektvolle Anerkennung des Dojo-Gründers wird durch die Anbringung eines Bildes/Fotos an der Tafelseite des Dojo zum Ausdruck gebracht.
3. Der erste Sensei des Dojo ist stets der Rangälteste und nicht der Ranghöchste. Dem Sensei drückt man nicht nur Anerkennung und Respekt aus, sondern auch seine Dankbarkeit.
4. Die Senpai sind ausgewählte Schüler des O-Sensei oder ersten Sensei mit besonderen Rechten und Pflichten. Sie sind besonders Eingeweihte.
Senpai wird man, indem man sich in Theorie und Praxis des Do auszeichnet und den Sensei um ein intensives Lehrer-Schüler-Verhältnis bittet.
5. Den Anweisungen des Lehrers/Übungsleiters ist sofort und widerspruchslos nachzukommen. Der Lehrer wird während des Unterrichts nur in Ausnahmefällen angesprochen, nachdem sich ein Schüler durch eine Verbeugung bemerkbar gemacht hat. Nach Beantwortung der gestellten Frage wird ebenfalls gegrüßt.
6. Sensei, Senpai und Lehrer werden grundsätzlich mit zusammengelegten Händen vor der Brust gegrüßt.
7. Höhere Grade sind immer zu respektieren, ihre Ratschläge ohne Kritik anzunehmen. Gleichzeitig sind alle höheren Grade verpflichtet, den Lehrenden behilflich zu sein und sie geduldig und freundschaftlich zu fördern. Eine Aufforderung zum Üben oder zum Kampf hat immer von einem Ranghöherem auszugehen und nicht umgekehrt.

8. Dojo-Kameraden sind wichtige Partner auf dem Weg des Do. Die Gemeinschaft hat einen besonderen Stellenwert. Der Umgang soll freundschaftlich, zumindest freundlich sein.

9. Der Gürtelgrad ist eine besondere Auszeichnung für erbrachte Leistungen. Gleichzeitig wird mit ihm angedeutet, welche Aufgaben unmittelbar vor einem stehen.
Er soll die Motivation fördern und nicht zu Arroganz und Überheblichkeit führen.

10. Beim Betreten und Verlassen des Dojo ist der Gruß im Stand (Ritsu-Rei) zu erweisen. Die Übungsfläche wird nur barfuß betreten. Innerhalb des Dojo sind laute Gespräche und störendes Verhalten grundsätzlich zu vermeiden.

11. Ritsu-Rei wird ferner gegenüber dem Sensei, Senpai oder Lehrer erwiesen, wenn diese das Dojo betreten sowie zu Beginn und Ende jeder Partnerübung oder einer Kata.

12. Der Gruß im Knien (Za-Rei) findet jeweils zu Beginn und Ende des Unterrichts statt. Die Schüler nehmen hierzu in einer Reihe bzw. im Karree Aufstellung, wobei die höheren Grade rechts, die niedrigeren in der Mitte, die Neulinge links Platz nehmen. Es ist auf einwandfreie Haltung, korrekten Sitz des Karate-Gi und Seitenrichtung zu achten. Auf das Zeichen des rechten (Rangältesten) Flügelmanns wird nach dem Gruß Sensei-Nirei eine Verbeugung gegenüber dem Sensei/Lehrer ausgeführt. Die Schüler erheben sich erst, nachdem der Sensei /Lehrer aufgestanden ist.

13. Während des Unterrichts ist äußerste Disziplin zu wahren. Dabei ist jede Unterhaltung untersagt. Es ist auch nicht gestattet, ohne Erlaubnis Teile der Kleidung abzulegen oder zusätzliche Bekleidungsstücke zu tragen. Ein Schüler ist nicht berechtigt, ohne Erlaubnis eine Übung abzubrechen, die Übungsfläche zu verlassen oder zu anderen, nicht angesagten Übungen überzugehen. Es ist stets auf vorbildliches Verhalten zu achten.

14. Auf eine mögliche Frage wird durch eine Verbeugung aufmerksam gemacht. Nach Beantwortung der gestellten Frage wird ebenfalls gegrüßt.

15. Kann eine Übung aufgrund Konditionsschwäche, einer Krankheit oder sonstigen Gründen nicht ausgeführt werden, hat man sich nach Erlaubnis des Lehrers außerhalb der Übungsfläche im Schneidersitz abzusetzen.

16. Zum Unterricht ist mit gewaschenen Händen und Füßen und mit kurz gehaltenen Finger- und Fußnägeln zu erscheinen. Korrekte Bekleidung ist vorgeschrieben.
Ein Üben kurz nach dem Essen ist zu vermeiden. Desgleichen soll die Blase vor dem Unterricht entleert sein. Schmuck ist vor Beginn des Trainings abzulegen.

17. Die Übungsstunden sollten regelmäßig besucht werden. Schulungsversäumnisse sind schwer nachzuholen. Unnötige Wiederholungen der Lehrinhalte behindern das Fortkommen der anderen.

18. Auch außerhalb des Dojo sollte man sich getreu dem Ehrenkodex stets korrekt und anständig verhalten. Prahlerei und Show stehen dem seriösen Do entgegen. Zurückhaltung und Bescheidenheit sind eher Zeichen von Souveränität und Stärke als die Vorführung erlernter Techniken. Auf den guten Ruf des Ryu und des Dojo ist stets zu achten. Auch im Privatleben ist der Grundsatz Siegen durch Nachgeben anzuwenden. Jede Verwicklung in eine Schlägerei führt zum sofortigen Ausschluß aus dem Dojo.

19. Mit dem Beitritt zum Dojo hat man sich verpflichtet, die Idee zu fördern und durch die eigene Praxis fortzuentwickeln.
   
(Text entnommen aus "Budo International")